Tiller am Bogen: was er bedeutet, wie du ihn misst und einstellst
Tiller am Bogen messen und einstellen. Was die Differenz zwischen den Wurfarmen bewirkt, welcher Wert zu deinem Griff passt und was sich beim Verstellen mitändert.

Inhaltsverzeichnis10 Abschnitte
- Das Problem, das der Tiller lösen soll
- Was ist der Tiller genau?
- So misst du deinen Tiller
- Welcher Tillerwert passt zu dir?
- Den Tiller einstellen
- Wie weit darf die Tillerschraube heraus?
- Recurve und Compound: Was gilt für welchen Bogen?
- Den Tiller regelmäßig kontrollieren
- Tillern im Bogenbau ist etwas anderes
- Fazit
Du stimmst deinen Recurvebogen ab und stolperst über den Begriff Tiller. Dahinter steckt kein geheimnisvoller Wert, sondern eine einfache Differenz zwischen zwei Abständen. Dieser Ratgeber erklärt, was sie bewirkt, wie du sie mit einem Lineal ermittelst, welcher Wert zu deiner Grifftechnik passt und was du beim Verstellen im Blick behalten musst.
Das Problem, das der Tiller lösen soll
Stell dir vor, du hältst deinen Bogen im Anker. Deine Bogenhand liegt in der Griffschale, deine Zughand zieht die Sehne.
Der entscheidende Punkt. Die Griffschale sitzt in der geometrischen Mitte des Bogens, der Pfeil und deine Zughand liegen aber darüber. Das System ist also von Natur aus unsymmetrisch belastet.
Ohne Ausgleich hätte das eine unangenehme Folge. Der obere Wurfarm würde stärker gespannt als der untere, und beide würden beim Lösen unterschiedlich schnell zurückschnellen. Jeder Wurfarm gäbe dann eine andere Menge Energie an den Pfeil ab, und der Abgang würde unruhig. Genau dieses Ungleichgewicht nimmt der Tiller heraus. Er sorgt dafür, dass beide Wurfarme synchron arbeiten und ihre Endposition gleichzeitig erreichen.
Was ist der Tiller genau?
Der Tiller ist der Unterschied im Normalabstand der Sehne zum oberen und zum unteren Wurfarm. Anders gesagt beschreibt er das Verhältnis der Zugspannung von unterem zu oberem Wurfarm.
Gemessen wird im rechten Winkel von der Sehne bis zu der Stelle, an der der Wurfarm in das Mittelteil eintritt. Diese Stelle heißt Wurfarmtasche, sie ist die Aufnahme, in der der Wurfarm sitzt. Der Wurfarm ist der biegsame Teil des Bogens, das Mittelteil der starre Teil mit dem Griff.
Ein passend eingestellter Tiller führt dazu, dass beide Wurfarmenden beim Abschuss gleichmäßig nach vorn schnellen. Damit wirkt die Kraft gleichmäßig auf den Pfeil, und das Beschleunigungsverhalten wird berechenbar.
So misst du deinen Tiller
Du brauchst deinen aufgespannten Bogen und ein Lineal. Besser geeignet ist ein Checker, also ein Sehnenmaßstab. Das ist ein kleines Winkelmaß, das du an die Sehne anlegst und mit dem du den rechten Winkel sauber triffst. Dasselbe Werkzeug brauchst du auch, wenn du den Nockpunkt setzt.
Geh in drei Schritten vor:
- Miss den Abstand von der Sehne bis zur oberen Wurfarmtasche, im rechten Winkel zur Sehne. Notiere den Wert.
- Miss denselben Abstand an der unteren Wurfarmtasche und notiere auch diesen Wert.
- Zieh den unteren Wert vom oberen ab. Das Ergebnis ist dein Tiller.
Ein Beispiel. Oben misst du 17,6 cm, unten 17,0 cm. Die Differenz beträgt 0,6 cm, also 6 mm positiver Tiller.
Die Reihenfolge ist wichtig, weil das Vorzeichen eine Aussage trägt.
| Ergebnis | Was es bedeutet |
|---|---|
| Positiver Tiller | Der obere Abstand ist größer als der untere. Das ist der Standardfall. |
| Nulltiller | Beide Abstände sind gleich groß. |
| Negativer Tiller | Der untere Abstand ist größer als der obere. Kommt bei speziellen Techniken vor, vor allem beim Stringwalking. |
Stringwalking bedeutet, dass der Schütze die Sehne je nach Entfernung an unterschiedlichen Stellen unter dem Pfeil greift. Damit wandert der Kraftangriff mit jeder Distanz, und die Belastung der Wurfarme ändert sich ständig.
Welcher Tillerwert passt zu dir?
Einen pauschal richtigen Wert gibt es nicht, der Tiller ist ein individueller Parameter. Der wichtigste Einfluss ist deine Grifftechnik, denn sie bestimmt, wo die Zugkraft an der Sehne angreift.
| Schießstil | Richtwert | Warum |
|---|---|---|
| Mediterraner Griff | etwa 6 bis 7 mm | Ein Finger liegt über dem Pfeil, zwei darunter. Der Kraftangriff liegt deutlich unter dem Pfeil. |
| Drei-Unter-Griff | etwa 4 mm | Alle drei Finger liegen unter dem Pfeil, die Belastung verteilt sich anders. |
| Stringwalking | je nach Abgriff | Ein gangbarer Weg ist, den Tiller auf die am häufigsten geschossene Distanz abzustimmen. |
Dazu kommt das Mittelteil als zweiter Einfluss. Moderne, sehr steife Mittelteile aus Carbon erlauben kleine Tillerwerte und teils sogar einen Nulltiller, weil sie sich unter Last kaum verwinden. Nimm die Werte aus der Tabelle also als Ausgangspunkt und nicht als Zielvorgabe.
Den Tiller einstellen
Verstellen lässt sich der Tiller nur an Bögen mit passender Aufnahme, in der Praxis meist am ILF-System. ILF steht für International Limb Fitting und bezeichnet eine herstellerübergreifende Wurfarmaufnahme. Über die Wurfarmschrauben am Mittelteil veränderst du den Anstellwinkel der Wurfarme, und damit den Tiller.
Bei Bögen mit festen Wurfarmen geht das nicht. Dort ist der Tiller schon im Herstellungsprozess über die Materialstärke festgelegt und Teil des Bogens.

Im Schnitt durch die Wurfarmtasche sitzt der Tillerbolzen oben, der Sicherungsbolzen darunter
In der Tasche stecken zwei Schrauben mit verschiedenen Aufgaben, und du brauchst dafür zwei Inbusschlüssel in passenden Größen. Der Ablauf hat zwei Schritte:
- Mit dem größeren Inbusschlüssel den Tillerbolzen drehen. Er verstellt den Anstellwinkel des Wurfarms und damit Tiller und Zuggewicht.
- Mit dem kleineren Inbusschlüssel den Sicherungsbolzen festziehen. Er fixiert die Einstellung, damit sie sich beim Schießen nicht von selbst löst.
Den zweiten Schritt zu überspringen ist der häufigste Fehler dabei. Ohne festgezogenen Sicherungsbolzen wandert der Wert unter der Dauerbelastung zurück, und die Messung von vorhin ist wertlos.
Wie weit eine einzelne Umdrehung den Wert bewegt, lässt sich nicht allgemein sagen. Das hängt an der jeweiligen Tillerschraube und ihrem Gewinde. Taste dich deshalb in kleinen Schritten heran und miss nach jeder Änderung neu.
Wie weit darf die Tillerschraube heraus?
Nach oben gibt es eine harte Grenze, und die ist keine Geschmacksfrage. Es gelten zwei Bedingungen gleichzeitig, und die zuerst erreichte ist der Schlusspunkt.
- Genug Gewinde muss greifen. Ich empfehle mindestens 3 volle Umdrehungen im Gewinde, besser 4.
- Der Kontakt zum Wurfarm darf nie verloren gehen. Steht die Schraube frei, sitzt der Wurfarm nicht mehr sicher in der Tasche.
Beide Grenzen sind unabhängig voneinander. Wären rechnerisch noch 5 Umdrehungen Gewinde übrig, geht dabei aber der Kontakt zum Wurfarm verloren, ist an dieser Stelle Schluss. Umgekehrt genauso.
Reicht der Verstellweg für den gewünschten Wert nicht aus, liegt das Problem nicht am Tiller. Dann passen Wurfarme, Mittelteil oder das angestrebte Zuggewicht nicht zusammen, und die Lösung liegt dort und nicht in einer weiteren halben Umdrehung.
Zwei Werte verschieben sich mit, und beide gehören danach kontrolliert:
- Das Zuggewicht. Drehst du die Wurfarme aus, verringert sich das Zuggewicht minimal. Bei einem Bogen, der ohnehin an der Grenze des angenehmen Auszugs liegt, ist das eine willkommene Nebenwirkung, bei einem knapp eingestellten Wettkampfgerät nicht.
- Die Standhöhe. Auch sie wird vom Einstellen des Tillers beeinflusst. Die Standhöhe ist der Abstand von der Sehne zum tiefsten Punkt des Griffstücks, und an ihr hängt fast alles, was du sonst noch am Bogen einstellst. Wie du sie ansetzt, steht im Beitrag zur Bogensehne.
Der Tiller ist Feintuning, kein Einstieg ins Bogentuning. Eine routinierte Schießtechnik ist die Voraussetzung dafür, Unterschiede im Trefferbild überhaupt zu erkennen. Wer noch streut, sieht die Wirkung einer halben Umdrehung nicht, sondern seine eigene Tagesform. Hol dir für die Feinabstimmung Hilfe von einem erfahrenen Trainer oder aus dem Fachgeschäft.
Recurve und Compound: Was gilt für welchen Bogen?
Beim Recurvebogen ist der Tiller ein zentrales Thema. Recurves reagieren empfindlich auf Witterung, Abnutzung und die Erschütterungen bei jedem Abschuss. Dein Tiller kann sich also mit der Zeit von selbst verändern, auch wenn du nichts verstellt hast.
Beim Compoundbogen gibt es keinen klassischen Tiller. Das Prinzip dahinter verschwindet nicht, das Kräfteverhältnis zwischen oberem und unterem Wurfarm existiert dort genauso. Geregelt wird es aber über andere Bauteile, nämlich über die Synchronisation der Cams und über das Kabelsystem. Eine Tiller-Einstellung, wie du sie vom Recurve kennst, findest du am Compoundbogen nicht.
Alles in diesem Beitrag gilt also für Recurvebögen, Langbögen und Hybridbögen. Messen lässt sich der Tiller an jedem davon, verstellen nur dort, wo die Wurfarme über Schrauben sitzen.
| Bogentyp | Tiller messbar? | Tiller verstellbar? |
|---|---|---|
| Recurvebogen mit ILF-Aufnahme | ja | ja, über die Tillerbolzen |
| Recurve, Langbogen oder Hybrid mit festen Wurfarmen | ja | nein, im Bau festgelegt |
| Compoundbogen | kein klassischer Tiller | Tuning läuft über Cams und Kabel |
Den Tiller regelmäßig kontrollieren
Der Tiller ist kein Wert, den du einmal einstellst und dann abhakst. Er verschiebt sich durch Temperaturwechsel, Feuchtigkeit und Dauerbelastung merklich, auch ohne dass du etwas anfasst. Kontrolliere ihn nach jeder längeren Pause und unbedingt nach einem Leerschuss. Bei einem Leerschuss löst der Schütze ohne Pfeil, und die gesamte Energie geht in Mittelteil, Wurfarme und Sehne statt in den Pfeil.
Fliegen deine Pfeile plötzlich nicht mehr dahin, wohin sie sollen, gehört ein verschobener Tiller zu den möglichen Ursachen. Vergleich dann den aktuellen Wert mit deinem Ausgangswert aus dem Schießbuch. So erkennst du eine Abweichung, bevor du anfängst, an deiner Technik zu zweifeln.
Tillern im Bogenbau ist etwas anderes
Wer nach dem Begriff sucht, landet schnell bei zwei verschiedenen Dingen. Tillern bezeichnet einen Arbeitsschritt beim Bau eines Bogens. Dabei wird die Biegung der Wurfarme durch Abtragen von Material so lange angepasst, bis sie gleichmäßig arbeiten. Gearbeitet wird meist an einem Tillerbrett.
Dazu gehört die Tillersehne, eine spezielle Sehne, deren Länge sich über einen Bogenbauerknoten verstellen lässt. Damit kontrolliert der Bogenbauer die Biegung während der Herstellung in mehreren Stufen.
Beides betrifft die Entstehung eines Bogens. Alles andere in diesem Beitrag betrifft den fertigen Bogen.
Fazit
Der Tiller ist eine kleine Differenz mit klarer Aufgabe. Er gleicht aus, dass deine Zughand über der Mitte des Bogens zieht, und hält beide Wurfarme synchron.
Fang mit einer einzigen Messung an. Bogen aufspannen, beide Abstände an den Wurfarmtaschen notieren, oben minus unten rechnen, ab ins Schießbuch. Dieser Wert ist deine Vergleichsgröße für alles, was danach kommt. Ohne ihn merkst du eine Verschiebung erst, wenn die Pfeile streuen, und dann weißt du nicht, ob es am Material lag oder an dir.
Häufige Fragen
Was ist ein normaler Tillerwert?
Das hängt vor allem an deiner Grifftechnik. Beim mediterranen Griff, also ein Finger über und zwei unter dem Pfeil, sind etwa 6 bis 7 mm üblich. Beim Drei-Unter-Griff liegen alle drei Finger unter dem Pfeil, dort genügen oft rund 4 mm. Moderne, sehr steife Mittelteile erlauben zusätzlich kleinere Werte bis hin zum Nulltiller. Einen allgemein richtigen Wert gibt es nicht. Miss deinen Ausgangswert einmal sauber und notiere ihn, dann hast du eine Vergleichsgröße.
Wie oft sollte ich den Tiller kontrollieren?
Nach jeder längeren Pause, nach einem Leerschuss und bei auffälligen Trefferbildern. Der Wert kann sich durch Temperaturwechsel, Feuchtigkeit und die Dauerbelastung beim Schießen von selbst verschieben, ohne dass du etwas verstellt hast. Beim Compoundbogen entfällt die Kontrolle, dort gibt es keinen klassischen Tiller.
Kann ich den Tiller selbst verstellen?
Bei Take-Down-Bögen mit ILF-Aufnahme kannst du den Anstellwinkel der Wurfarme über die Wurfarmschrauben verändern. Messen und dokumentieren geht problemlos allein. Denk daran, dass sich dabei zwei weitere Werte mitverschieben. Das Ausdrehen senkt das Zuggewicht minimal, und die Standhöhe verändert sich ebenfalls. Bei der Feinabstimmung solltest du dir Hilfe holen, von einem erfahrenen Trainer oder im Fachgeschäft.
Wie weit darf man die Tillerschraube eines ILF-Griffstücks herausdrehen?
Es gelten zwei Grenzen gleichzeitig, und die zuerst erreichte zählt. Erstens sollten mindestens 3 volle Umdrehungen im Gewinde greifen, besser 4. Zweitens darf die Tillerschraube den Kontakt zum Wurfarm nie verlieren, sonst sitzt der Wurfarm nicht mehr sicher in der Tasche. Wären rechnerisch noch 5 Umdrehungen übrig, geht dabei aber der Kontakt verloren, ist an dieser Stelle Schluss. Reicht der Verstellweg nicht für den gewünschten Wert, passen Wurfarme, Mittelteil und Zuggewicht nicht zusammen.
Merke ich einen falschen Tiller überhaupt?
Nicht direkt, sondern am Pfeilflug. Sind die Wurfarme nicht synchron, geben sie unterschiedlich viel Energie an den Pfeil ab, und der Abgang wird unruhig. Wenn deine Pfeile ohne erkennbaren Grund plötzlich streuen, gehört ein verschobener Tiller zu den möglichen Ursachen. Deshalb lohnt der Blick ins Schießbuch.
Ist tillern dasselbe wie den Tiller einstellen?
Nein. Tillern bezeichnet einen Arbeitsschritt im Bogenbau. Dort wird die Biegung der Wurfarme durch Abtragen von Material gleichmäßig gearbeitet, meist auf einem Tillerbrett und mit einer Tillersehne. Den Tiller einstellen heißt dagegen, an einem fertigen Bogen den Anstellwinkel der Wurfarme zu verändern. Gleicher Wortstamm, zwei verschiedene Tätigkeiten.