Reiterbogen erklärt: Was ist ein Reiterbogen und für wen eignet er sich?

Reiterbogen erklärt: Kompositbauweise, türkische, mongolische und koreanische Typen, der Daumenabzug und worauf du beim Kauf achten solltest.

Mehrere Reiterbögen hängen gespannt an einer Wand
Inhaltsverzeichnis26 Abschnitte
  1. Was ist ein Reiterbogen? Definition und Vorteile
  2. Definition und Ursprung
  3. Kompositbogen: die geniale Drei-Schicht-Bauweise
  4. Technische Besonderheiten
  5. Türkisch, Mongolisch oder Koreanisch? Reiterbogen-Typen im Vergleich
  6. Die Daumenabzugstechnik: So schießt man einen Reiterbogen
  7. Warum Daumenabzug?
  8. Der Daumenring (Zihgir)
  9. Die Khatra-Technik
  10. Für wen ist ein Reiterbogen geeignet?
  11. Diese Schützen profitieren besonders
  12. Diese Situationen sind herausfordernd
  13. Kaufberatung: Den richtigen Reiterbogen finden
  14. Preiskategorien und Hersteller
  15. Zuggewicht richtig wählen
  16. Reiterbogen vs. andere Bogentypen: Ein Vergleich
  17. Reiterbogen vs. Langbogen
  18. Reiterbogen vs. moderner Recurvebogen
  19. Reiterbogen vs. Hybridbogen
  20. Lebendige Traditionen und moderner Wettkampfsport
  21. Mongolisches Naadam-Festival
  22. Türkisches Okçuluk und koreanisches Gungdo
  23. Berittenes Bogenschießen (Horseback Archery)
  24. 3D-Parcours in Deutschland
  25. Praxis-Tipps für Einsteiger
  26. Fazit

Stell dir einen Reiterbogen vor, der nur halb so lang ist wie ein Langbogen, aber trotzdem Pfeilgeschwindigkeiten von über 180 fps erreicht. Einen Bogen, der so kompakt ist, dass er problemlos vom Pferderücken aus geschossen werden kann, aber dennoch Reichweiten von 350 Metern und mehr ermöglicht.

Genau das ist ein Reiterbogen, eine ingenieurtechnische Meisterleistung aus 4000 Jahren Steppenkultur. Doch was macht diesen asiatischen Kompositbogen so besonders? Und ist er die richtige Wahl für dich? In diesem Ratgeber erfährst du alles über Bauweise, Technik, regionale Typen und worauf du beim Kauf achten musst.

Was ist ein Reiterbogen? Definition und Vorteile

Definition und Ursprung

Ein Reiterbogen ist ein kompakter asiatischer Kompositbogen mit einer typischen Länge von 48 bis 54 Zoll (122 bis 137 cm). Der Name führt leicht in die Irre. Die kompakte Bauweise entstand nicht allein wegen des Pferdes, sondern vor allem aus der extremen Materialknappheit der baumlosen Steppen Zentralasiens. Wo europäische Bogenbauer aus dem Vollen schöpfen konnten, mussten Steppenvölker mit minimalem Holzverbrauch maximale Leistung erzielen.

Die Geschichte des Reiterbogens reicht über 4000 Jahre zurück. Die Skythen (900 bis 200 v. Chr.) schufen die ersten echten Reiterbögen mit symmetrischer Konstruktion. Die Hunnen perfektionierten im 4. Jahrhundert die asymmetrische Bauweise, und die Mongolen des 13. Jahrhunderts erreichten mit ihren Kompositbögen Reichweiten von über 350 Metern, deutlich mehr als die 230 Meter englischer Langbögen. Der dokumentierte Rekord aus dem Jahr 1226 liegt sogar bei 536 Metern.

Die wichtigsten Ursprungsregionen sind die Mongolei, die Türkei, Korea und die Mandschurei. Jede Region entwickelte eigene Varianten, die bis heute in lebendigen Traditionen wie dem mongolischen Naadam-Festival oder dem türkischen Okçuluk fortbestehen.

Kompositbogen: die geniale Drei-Schicht-Bauweise

Das wahre Geheimnis des Reiterbogens liegt in seiner Drei-Schicht-Konstruktion, die verschiedene Materialien mit gegensätzlichen Eigenschaften sinnvoll kombiniert:

  • Holzkern: Ahorn (türkisch) oder Bambus (chinesisch/mongolisch), nur 3 bis 5 mm dick, aus bis zu 7 Teilen mit V-Stoßverbindungen gefügt
  • Hornbauch: Wasserbüffelhorn auf der Innenseite, gekocht, geformt und verleimt. Horn hat eine 3,5-mal höhere Druckfestigkeit als Holz und widersteht der Kompression beim Spannen
  • Sehnenrücken: Achillessehnen oder Rückensehnen von Rothirschen auf der Außenseite, mehrschichtig aufgetragen. Diese bieten eine 4-mal höhere elastische Dehnfähigkeit als Holz
  • Leim: Hausenblase (Fischleim aus Störschwimmblasen) verbindet alle Schichten. Er ist transparent, langsam trocknend und reversibel, aber auch die Hauptschwachstelle bei Feuchtigkeit
  • Versiegelung: Birkenrinde oder dünnes Leder schützt vor Witterungseinflüssen

Die Herstellung eines traditionellen Hornbogens dauert etwa eine Woche aktive Arbeit, aber mit den notwendigen Trocknungsphasen vergehen 1 bis 2 Jahre bis zur Fertigstellung. Richtig gepflegt halten diese Bögen über 120 Jahre.

Technische Besonderheiten

Was einen Reiterbogen von anderen Bögen unterscheidet, sind vor allem zwei Merkmale: die Siyahs und die extreme Reflexkrümmung. Die Siyahs sind starre Endstücke, die bei türkischen Bögen bis zu 30 cm lang sein können. Sie wirken beim Spannen als Hebel.

Sie sorgen dafür, dass sich der Auszug am Ende weicher anfühlt, da sie den Sehnenwinkel flach halten. Anders als beim Compoundbogen mit seinem Let-off hältst du im Vollauszug zwar das volle Gewicht, aber der Bogen stackt deutlich weniger.

Diese steile Zugkurve hat praktische Vorteile: Der Anfang des Auszugs ist leicht, das volle Gewicht spürst du erst kurz vor dem Ankerpunkt. Trotz der kompakten Länge erreichen Reiterbögen Pfeilgeschwindigkeiten von 170 bis 200 fps, vergleichbar mit doppelt so langen Langbögen.

MerkmalReiterbogenLangbogenRecurvebogen
Länge48 bis 54 Zoll68 bis 78 Zoll58 bis 72 Zoll
Geschwindigkeit170 bis 200 fps150 bis 180 fps165 bis 190 fps
HandhabungSehr kompaktSperrigMittel
LernkurveSteilModeratFlach

Türkisch, Mongolisch oder Koreanisch? Reiterbogen-Typen im Vergleich

Nicht jeder Reiterbogen ist gleich. Die drei Haupttypen unterscheiden sich deutlich in Bauweise und Einsatzzweck:

MerkmalTürkisch/OsmanischKoreanisch (Gakgung)Mongolisch
Länge44 bis 52 Zolletwa 49 Zoll52 bis 60 Zoll
ReflexkrümmungExtrem (C-Form)Sehr starkModerat
GriffzoneFlach, schmalRundBreit
SiyahsKurz, stark gebogenMittellangLang (bis 30 cm)
Typische VerwendungFlugschießenWettkampf (145 m)Militär/Jagd

Türkischer/Osmanischer Typ: Mit 44 bis 52 Zoll der kürzeste und extremste aller Reiterbögen. Die C-förmige Reflexkrümmung ist so ausgeprägt, dass der Bogen im entspannten Zustand fast kreisrund wirkt. Der historische Weltrekord im Flugschießen liegt bei 440 Metern (1794). Heute erlebt diese Tradition eine Renaissance durch UNESCO-Anerkennung und über 3000 registrierte Athleten im türkischen Verband TGTOF.

Koreanischer Typ (Gakgung): Mit nur 125 cm bespannter Länge der steifste aller asiatischen Kompositbögen. Die Standardwettkampfdistanz liegt bei 145 Metern, historisch wurden Schussweiten von 350 bis 400 Metern erreicht. Die Stadt Yecheon in Südkorea produziert 70 % aller koreanischen Hornbögen und bewahrt die UNESCO-geschützte Tradition seit 1971. In Seoul gibt es 23 Universitätsclubs und landesweit 340 Schießanlagen.

Mongolischer/Mandschurischer Typ: Die größten asiatischen Kompositbögen mit bis zu 60 Zoll Länge und Siyahs bis 30 cm. Sie erlauben Auszüge von 32 bis 34 Zoll und waren die bevorzugten Militär- und Jagdbögen der Qing-Dynastie. Das mongolische Naadam-Festival, jährlich vom 11. bis 13. Juli, hält diese Tradition seit 1921 lebendig.

Die Daumenabzugstechnik: So schießt man einen Reiterbogen

Warum Daumenabzug?

Schnell und kurz erklärt

  • Haltung: Die Sehne liegt in der Daumenbeuge.
  • Sicherung: Der Zeigefinger drückt auf den Daumennagel.
  • Pfeillage: Der Pfeil liegt beim Rechtshänder rechts am Bogen.
  • Vorteil: Schnellerer Nockvorgang und stabiler Sitz bei Bewegung.

Der Reiterbogen wird traditionell nicht mit dem mediterranen Drei-Finger-Griff geschossen, sondern mit dem sogenannten mongolischen oder Daumenabzug. Der Grund liegt in der Konstruktion: Der Pfeil liegt bei einem Rechtshänder rechts vom Bogen, direkt über dem Handrücken. Es gibt keine Pfeilauflage, kein Bogenfenster.

Diese Anordnung hat einen entscheidenden Vorteil bei Reitgeschwindigkeit: Der Fahrtwind drückt den Pfeil gegen den Bogen statt ihn wegzublasen. Beim Daumenabzug wird die Sehne mit dem Daumen gehalten, wobei der Zeigefinger auf dem Daumen stabilisiert. Die eigentliche Kraft kommt vom Andrücken der Daumenspitze gegen den Mittelfingerknöchel.

Der Daumenring (Zihgir)

Weil der Sehnendruck auf den Daumen enorm ist, nutzen Bogenschützen seit Jahrtausenden Daumenringe (türkisch: Zihgir). Diese gibt es in verschiedenen Ausführungen:

  • Türkisch: Verlängerte Unterseite für den Daumenballen, oft aus Horn oder Leder
  • Koreanisch: Weibliche Form mit Schutzpolster oder männliche Form mit Hakenfortsatz
  • Mandschurisch: Zylindrische Form mit Lippe

Einsteiger können mit einfachen Lösungen beginnen: Ein mehrfach gewickeltes Klebeband um den Daumen oder ein Leder-Daumenschutz reichen für die ersten Versuche völlig aus.

Die Khatra-Technik

Fortgeschrittene Reiterbogenschützen nutzen die sogenannte Khatra-Technik: eine dynamische Nachführbewegung der Bogenhand direkt beim Lösen der Sehne. Im türkischen Stil wird die Hand vorwärts und abwärts bewegt, im koreanischen und japanischen Stil erfolgt eine Auswärtsdrehung. Diese Technik ist optional und eher etwas für Fortgeschrittene. Als Einsteiger kannst du sie zunächst ignorieren.

Erste Schritte mit Daumenabzug:

  • Anfangs kannst du den Bogen mit dem vertrauten 3-Finger-Griff kennenlernen
  • Stelle schrittweise auf Daumenabzug um, sobald du dich sicher fühlst
  • Wähle unbedingt ein niedriges Zuggewicht von 20 bis 30 lbs
  • Rechne mit 3 bis 4 Wochen Muskelaufbau im Daumen, die Lernkurve ist steiler als beim mediterranen Griff

Für wen ist ein Reiterbogen geeignet?

Ein Reiterbogen eignet sich für Bogenschützen mit Grundkenntnissen, die sich für asiatische Bogensporttradition interessieren. Gut geeignet für berittenes Bogenschießen, 3D-Parcours und kompakte Jagdbögen. Komplette Anfänger sollten zunächst mit Recurvebogen Erfahrung sammeln, da Daumenabzug und fehlende Pfeilauflage eine steile Lernkurve bedeuten.

Diese Schützen profitieren besonders

Der Reiterbogen ist keine Wahl für den ersten Tag im Bogensport, aber er belohnt Schützen mit bestimmten Interessen und Voraussetzungen:

  • Fortgeschrittene mit Recurve- oder Langbogen-Erfahrung: Du kennst bereits die Grundlagen des instinktiven Schießens und hast ein Gefühl für Pfeilflug entwickelt
  • Historisch Interessierte: Du möchtest in lebendige Traditionen wie das mongolische Naadam-Festival oder türkisches Okçuluk eintauchen
  • Reiter: Berittenes Bogenschießen (Horseback Archery) fasziniert dich, und du suchst den authentischen Weg
  • 3D-Parcours-Enthusiasten: Die kompakte Form ist wie gemacht für dichtes Unterholz, enge Schusswinkel und schnelle Positionswechsel
  • Jäger in dichten Revieren: Wo ein 70-Zoll-Langbogen zu sperrig ist, spielt der Reiterbogen seine Stärken aus (in Ländern mit legaler Bogenjagd)

Diese Situationen sind herausfordernd

Ehrlich gesagt gibt es auch Szenarien, in denen ein Reiterbogen nicht die beste Wahl ist:

  • Komplette Anfänger ohne Bogenerfahrung: Der steile Sehnenwinkel, die fehlende Pfeilauflage und der Daumenabzug sind zu viele neue Herausforderungen auf einmal
  • Schützen mit schwachen Fingern oder Händen: Der Druck auf den Daumen ist erheblich, gerade bei höheren Zuggewichten
  • Sehr feuchtes Klima: Historische Hornbögen mit Fischleim sind feuchtigkeitsempfindlich (moderne Laminatbögen haben dieses Problem nicht)
  • Wunsch nach moderner Wettkampfausstattung: Visiere, Stabilisatoren und andere Hilfsmittel sind beim traditionellen Reiterbogen nicht üblich

Checkliste: Bin ich bereit für einen Reiterbogen?

  • Grundkenntnisse im Bogenschießen vorhanden (mindestens 6 Monate Erfahrung)
  • Interesse an traditioneller und asiatischer Bogentechnik und Geschichte
  • Bereitschaft, Daumenabzug zu erlernen (3 bis 4 Wochen Eingewöhnung)
  • Geduld für instinktives Schießen ohne moderne Hilfsmittel
  • Budget für Qualitätsbogen (mindestens 150 bis 200 EUR)

Kaufberatung: Den richtigen Reiterbogen finden

Preiskategorien und Hersteller

Der Markt für Reiterbögen ist deutlich kleiner als für Recurvebögen, aber die Qualitätsunterschiede sind enorm. Hier eine Orientierung:

KategoriePreisEmpfohlene MarkenFür wen?
Einsteiger80 bis 200 EURBY BEIER GERMANY Szkita, TOPARCHERYErste Erfahrungen, Hobby
Mittelklasse150 bis 350 EURKaya Windfighter, AF Archery, GrozerRegelmäßiges Training, 3D
Hochwertig700 bis 1.500 EURSaluki Bows (Novotny)Berittenes Schießen, Sammler
Traditionellab 2.500 EURSaluki Hornbögen, koreanische MeisterAuthentische Horn-Holz-Konstruktion

Einsteigerklasse (80 bis 200 EUR): Bögen wie der BY BEIER GERMANY Szkita (90 bis 120 EUR) oder chinesische Glasfaser-Laminatbögen. Sie sind solide für erste Erfahrungen, aber oft mit Qualitätsschwankungen behaftet. Hier gilt: Nicht unter 80 EUR kaufen, sonst drohen unsaubere Leimverbindungen und asymmetrische Wurfarme.

Mittelklasse (150 bis 350 EUR): Der beste Bereich für ambitionierte Einsteiger. Der Kaya Windfighter oder KTB Carbon (214 bis 229 EUR) ist koreanisch inspiriert, nutzt Karbon-Laminat und erreicht nach Herstellerangabe bis zu 280 fps. AF Archery bietet türkische und tatarische Typen für etwa 200 EUR. Grozer aus Ungarn (350 bis 600 EUR) steht für historisch genaue Repliken mit exzellenter Verarbeitung.

Hochwertig handgefertigt (700 bis 1.500 EUR): Saluki Bows von Lukas Novotny gehören zur Weltspitze, haben aber 1 bis 2 Jahre Wartezeit. Kassai aus Ungarn ist auf berittenes Bogenschießen spezialisiert und liegt mit 150 bis 400 EUR deutlich darunter, bietet also ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Traditionelle Hornbögen (ab 2.500 EUR): Authentische Horn-Holz-Sehnen-Konstruktion nach historischem Vorbild. Saluki bietet diese ab 2.700 USD an. Sie sind die puristische Wahl für Sammler und Traditionalisten, aber feuchtigkeitsempfindlich und pflegeintensiv.

Vorsicht vor Billigimporten:

Reiterbögen unter 80 EUR sind oft minderwertig verarbeitet (unsaubere Leimverbindungen, asymmetrische Wurfarme, falsche Zuggewichtsangaben). Investiere lieber in ein Mittelklasse-Modell (150 bis 350 EUR) von etablierten Herstellern. Der Frust durch schlechte Qualität kostet dich am Ende mehr Nerven und Geld.

Zuggewicht richtig wählen

Beim Reiterbogen ist die Wahl des Zuggewichts noch kritischer als bei anderen Bögen. Der steile Sehnenwinkel und der Daumenabzug belasten Hand und Daumen stärker. Hier meine Empfehlungen:

  • Einsteiger Reiterbogen: 20 bis 30 lbs. Das klingt schwach, aber bedenke den steilen Auszug.
  • Fortgeschrittene Anfänger: 25 bis 35 lbs, wenn du bereits 3 bis 4 Monate mit dem Daumenabzug geübt hast
  • Mittelstufe: 35 bis 45 lbs für regelmäßiges Training und 3D-Parcours
  • Wettkampf (berittenes Bogenschießen): 45 bis 55 lbs, denn schnelle Schussfolgen vom Pferd erfordern Kondition
  • Bogenjagd: mindestens 40 lbs, in Ländern, wo Bogenjagd legal ist

Zum Vergleich: Ein 30-lbs-Reiterbogen fühlt sich durch den steilen Auszug wie ein 35-lbs-Recurve an. Unterschätze das nicht.

Reiterbogen vs. andere Bogentypen: Ein Vergleich

Reiterbogen vs. Langbogen

Der Langbogen ist mit 68 bis 78 Zoll deutlich länger, erreicht aber oft niedrigere Pfeilgeschwindigkeiten. Ein Reiterbogen ist 40 bis 50 % kürzer bei vergleichbarer Leistung. Mit leichten Pfeilen schafft er 170 bis 200 fps, während ein Langbogen meist bei 150 bis 180 fps liegt. Der Nachteil: Die Lernkurve ist steiler (Daumenabzug, keine Pfeilauflage), und historische Hornbögen sind weniger wetterfest als robuste Holz-Langbögen.

Die Manövrierfreundlichkeit ist der große Pluspunkt: Im Wald, im dichten Unterholz oder auf dem Pferd spielt der Reiterbogen seine Stärken aus. Ein 70-Zoll-Langbogen ist in solchen Situationen einfach zu sperrig.

Reiterbogen vs. moderner Recurvebogen

Moderne Recurvebögen haben ein Bogenfenster, eine Pfeilauflage und erlauben die Montage von Visier, Stabilisator und Button. Der Reiterbogen verzichtet auf all das, er ist der puristische, traditionelle Weg. Während der Recurve gut für Präzisionsschießen auf lange Distanzen ist, glänzt der Reiterbogen beim instinktiven Schießen und in dynamischen Situationen (3D-Parcours, berittenes Schießen).

Reiterbogen vs. Hybridbogen

Der Hybridbogen ist mit 56 bis 66 Zoll länger und im Auszug sanfter. Er ist eine gute Wahl für Bogenjagd aus Hochsitzen und für Schützen, die einen Mittelweg zwischen Langbogen und Recurve suchen. Der Reiterbogen hingegen ist die Wahl für maximale Kompaktheit, asiatische Tradition und die Faszination einer 4000 Jahre alten Technik.

Lebendige Traditionen und moderner Wettkampfsport

Mongolisches Naadam-Festival

Jeden Juli, vom 11. bis 13., verwandelt sich die Mongolei in eine riesige Bogensportarena. Das Naadam-Festival ist seit 1921 das wichtigste kulturelle Ereignis des Landes. Männer schießen 40 Pfeile auf 75 Meter, Frauen 20 Pfeile auf 60 Meter. Die Ziele sind kleine Lederzylinder (Surs), und bei jedem Treffer singen die Richter ein traditionelles „Uuhai”, einen Ruf, der über die Steppe hallt.

Diese Tradition ist nicht museumshaft, sondern quicklebendig. In der Hauptstadt Ulaanbaatar trainieren hunderte Schützen das ganze Jahr über für diesen einen Wettkampf.

Türkisches Okçuluk und koreanisches Gungdo

In der Türkei erlebt das traditionelle Okçuluk seit 2004 eine Renaissance. Die UNESCO erkannte es 2019 als immaterielles Kulturerbe an. Der türkische Verband TGTOF zählt über 3.000 registrierte Athleten. Wettkampfdisziplinen umfassen Zielschießen, Flugschießen und berittenes Bogenschießen. Das Zentrum ist Okmeydanı in Istanbul, wo bereits im 15. Jahrhundert Flugschieß-Rekorde aufgestellt wurden.

Korea pflegt seit 1971 die UNESCO-geschützte Gungdo-Tradition. Die Standarddistanz liegt bei 145 Metern. In Seoul gibt es 23 Universitätsclubs, und landesweit existieren 340 Schießanlagen (Jeong). Die Stadt Yecheon produziert 70 % aller koreanischen Hornbögen und ist das Zentrum dieser lebendigen Tradition.

Berittenes Bogenschießen (Horseback Archery)

Die International Horseback Archery Alliance (IHAA) wurde 2014 von 8 Ländern gegründet und zählt heute über 35 Mitgliedsländer und 46 teilnehmende Nationen. Die Weltmeisterschaft findet alle zwei Jahre statt (2025 in Lewisburg, Tennessee). Wettkampfformate umfassen:

  • Tower-Bahn: 90 Meter mit mehreren Zielen bis 50 m, Pfeile in der Hand, Geschwindigkeit zählt
  • Raid-Bahn: 90 Meter, 5 Ziele, Pfeile im Köcher, 16 Sekunden Zeitlimit
  • Hunt-Bahn: Cross-Country mit 3D-Zielen
  • Qabaq (türkisch): Überkopf-Ziel, die Königsdisziplin

In Deutschland ist Pettra Engeländer (IEHAS, Fulda/Berlin) eine Pionierin. Sie ist Weltmeisterin im Natural Horseback Archery und unterrichtet nach der HorseAiKiDo-Methode. Das Grading-System reicht vom Schritt- und Trab-Niveau über Schülergrade bis zu den Horse-Archer-Graden HA1 bis HA10.

3D-Parcours in Deutschland

Der Reiterbogen ist auf 3D-Parcours in seinem Element. Die kompakte Form ist gut geeignet für enges Terrain, seitliche Schüsse und schnelle Positionswechsel. Top-Parcours in Deutschland:

  • Collenberg (Bayern): „Schönster Parcours Deutschlands”, 33 Stationen, über 100 3D-Ziele, eröffnet 2007
  • Bogensportzentrum Eborn: 118 Stationen auf über 40 Hektar, anspruchsvollster Parcours Deutschlands
  • 3D-Bogenregion Mainfranken/Spessart/Odenwald: 9 Parcours in einem Radius von 50 bis 60 km

Praxis-Tipps für Einsteiger

Du hast dich entschieden, den Reiterbogen zu erlernen? Hier ist deine Checkliste für die ersten Schritte:

Checkliste: Deine ersten Schritte mit dem Reiterbogen

1. Grundlagen schaffen

  • Mindestens 6 Monate Recurve- oder Langbogen-Erfahrung empfohlen
  • Instinktives Schießen (ohne Visier) üben

2. Ausrüstung besorgen

  • Reiterbogen 25 bis 35 lbs (Mittelklasse 150 bis 350 EUR)
  • Daumenring oder Leder-Daumenschutz
  • Leichte Pfeile (Carbon, 5 bis 7 Grain pro Pfund Zuggewicht)
  • Traditioneller Seitenköcher

3. Technik erlernen

  • YouTube-Tutorials (Armin Hirmer, NUSensei für Daumenabzug)
  • Vereinskontakt über DFBV (Deutscher Feldbogen- und Bogensport-Verband)
  • Workshop berittenes Bogenschießen (optional, aber sehr lehrreich)

4. Üben, üben, üben

  • Kurze Distanzen beginnen (5 bis 10 Meter)
  • Daumenabzug-Muskelaufbau (3 bis 4 Wochen Geduld)
  • 3D-Parcours besuchen für realistische Situationen

5. Pflege beachten

  • Kompositbögen nicht bei Regen verwenden (Leim ist feuchtigkeitsempfindlich)
  • Entspannt lagern (nicht permanent gespannt lassen)
  • Sehnenwachs regelmäßig auftragen

Häufige Anfängerfehler

  • Zu hohes Zuggewicht gewählt, das überlastet den Daumen und frustriert
  • Mediterraner Griff statt Daumenabzug, dann fällt der Pfeil vom Bogen
  • Fester Bogengriff, das verzieht den Bogen beim Lösen
  • Billigbogen ohne Recherche, das endet in Frust durch schlechte Qualität

Fazit

Der Reiterbogen ist weit mehr als ein kompakter Bogen aus Asien, er ist ein Fenster in 4000 Jahre Steppenkultur und eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Die Drei-Schicht-Konstruktion aus Horn, Holz und Sehnen erzeugt Leistungen, die mit europäischen Bögen gleicher Größe unmöglich wären. Die Kombination aus extremer Reflexkrümmung, Siyahs als Hebel und steiler Zugkurve macht den Reiterbogen zu einem faszinierenden Sportgerät.

Aber sei ehrlich zu dir selbst: Der Reiterbogen ist nicht für komplette Anfänger geeignet. Der Daumenabzug, das Schießen über den Handrücken ohne Pfeilauflage und die steile Lernkurve erfordern Geduld und Grundkenntnisse im Bogensport. Wenn du jedoch bereits Erfahrung mit Recurve- oder Langbogen hast und dich für asiatische Traditionen begeisterst, wird dich dieser Bogen belohnen.

Für den Einstieg empfehle ich einen Mittelklasse-Laminatbogen (150 bis 350 EUR) von Herstellern wie Kaya, AF Archery oder Grozer. Wähle ein niedriges Zuggewicht von 25 bis 35 lbs und investiere in einen ordentlichen Daumenring. Mit 3 bis 4 Wochen Geduld für den Muskelaufbau im Daumen und regelmäßigem Training wirst du schnell Fortschritte machen.

Häufige Fragen

Ist ein Reiterbogen für Anfänger geeignet?

Für den ersten Bogen eher nicht. Beim Reiterbogen kommen drei ungewohnte Dinge zusammen: der Daumenabzug, die fehlende Pfeilauflage und der steile Sehnenwinkel. Empfehlenswert sind mindestens 6 Monate Erfahrung mit einem Recurve- oder Langbogen, bevor du umsteigst.

Warum schießt man den Reiterbogen mit dem Daumen?

Weil der Pfeil beim Reiterbogen auf der anderen Seite liegt. Beim Rechtshänder liegt er rechts am Bogen, direkt über dem Handrücken, und es gibt weder Pfeilauflage noch Bogenfenster. Der Daumenabzug hält den Pfeil auch in Bewegung sicher an seiner Position, was vom Pferd aus entscheidend war.

Welches Zuggewicht sollte ein Reiterbogen für den Einstieg haben?

20 bis 30 lbs. Das klingt niedrig, entspricht durch den steilen Auszug aber etwa dem Gefühl eines Recurvebogens mit 35 lbs. Erst nach drei bis vier Monaten Übung mit dem Daumenabzug ist eine Steigerung auf 25 bis 35 lbs sinnvoll.

Was kostet ein guter Reiterbogen?

Solide Laminatbögen für regelmäßiges Training liegen bei 150 bis 350 Euro. Unter 80 Euro drohen unsaubere Leimverbindungen, asymmetrische Wurfarme und falsche Zuggewichtsangaben. Handgefertigte Hornbögen nach historischem Vorbild beginnen erst bei mehreren tausend Euro.

Brauche ich einen Daumenring?

Für den Anfang reicht ein Leder-Daumenschutz oder mehrfach gewickeltes Klebeband. Sobald du regelmäßig schießt, lohnt sich ein richtiger Daumenring, im Türkischen Zihgir genannt. Der Sehnendruck auf den Daumen ist erheblich und ohne Schutz schmerzhaft.

Bleibt eine Frage offen? Im Verein steht immer jemand daneben, der sie in zwei Sätzen beantwortet, und genau dort fängt der Sport an.

Weitere Ratgeber lesen